Der Wahnsinn trägt Felltoupet und nennt sich „Omi“

…  oder „Rentnerin“ und ist zu Zeiten in Supermärkten anzutreffen, wo Otto Normalverbraucher entweder mit Zapping/Schule/Job [zutreffendes bitte ankreuzen] beschäftigt ist.

Da ICH aber heute diesen Kreislauf durchbrochen habe (heißt: freier Tag, heißt genauer: leere Batterien, das heißt wiederum: Zappingunmöglichkeit), wagte ich mich heute auf die Straße, um Milch zu kaufen und zur Post zu spazieren.

Seit ich erfahren habe, dass mein Viertel hier kriminell sein soll, passiert das eigentlich immer in Begleitung eines mulmigen Gefühls, das sich die Hand mit meiner angeborenen Paranoia gibt. Aber nach diesem heutigen Tag darf ich verkünden: nein, dieses Viertel ist nicht kriminell!
Es ist nur kriminell NERVIG. (Autsch, das klang jetzt arg pubertär.)

Beginnen wir mit dem Besuch bei der quietschgelben Post. Wie sich herausstellte, war ich nicht die Einzige, die noch ein Päckchen kurz vor Heiligabend aufgeben musste. Die Schlange in dem kleinen Mix-Shop (mit integrierter Poststelle in einer Nische) reichte daher bis zur Tür. Zwanzig Minuten Wartezeit waren mir ziemlich wurschti, da ich Zeit hatte.
Das änderte sich jedoch schlagartig, als … als sich die Tür öffnete und dieses nervenbetäubende (Neologismus? Neomedikamento?) Geräusch an mein Ohr drang: ein Pfeifen. Und dieses Pfeifen kam näher. Nein: dieses Pfeifen stellte sich direkt hinter mich!

Zuerst dachte ich mir noch: „Hach. Nett. Ein Mann mit guter Laune.“
Fünf Minuten später dachte ich: „Hach … Nett … (murmel)“
Zehn Minuten später: „(murmel)“
Fünfzehn Minuten später: „Korken für zehn Cent das Stück … wie viele Korken ich wohl brauche, um ihn zum Schweigen zu bringen? Top, die Wette gilt!“
Zwanzig Minuten später: „Hat der Kerl die gesamten Glücksbärchis gefressen?!?“

Nach zwanzig Minuten machte ich mich dann über die Schwelle des „Diskretionsabstandes“ (aha) und ließ meinen Mundharmoniker-für-Arme zurück, um ENDLICH mein Paket abzugeben. Während ich noch immer diesen leichten Tinnitus im Ohr hatte, durfte ich mich jetzt mit einem weiterem Exemplar Mensch herumschlagen: Fräulein Postbeamte (optisch eher Cindy vom Straßenstrich) blinzelte mich unter ihren aufgeklebten Wimpern an und scharrte bereits mit den XXL-Fingernägeln (natürlich auch aufgeklebt).
Kommentarlos schob ich ihr das Päckchen zu, sie verschwand damit unter dem Tisch (?!) und kam dann mit piepsender Verkündung wieder hervor: „Das koschtet 3,90!“
Entweder die Post hat die Preise erhöht oder das Mädel konnte meine Gedanken lesen und hat mir mal schnell den doppelten Preis aufgedrückt, aber: hallo? Die Post macht die Preise doch wirklich rein nach Sympathie. (Schweinerei)
Aus Rache habe ich dann mit Kleingeld gezahlt, dass ich ihr nicht in die Hand gab, sondern auf den Tresen legte. (Ha!) So hatte ich wenigstens eine kurze Unterhaltung, ihr dabei zuzusehen, wie sie mit ihren Mörderkrallen versuchte, das Geld zu kriegen.
Der Pfeife, äh, dem Pfeifer warf ich noch einen giftigen Blick zu, dann stahl ich mich wieder aus dem Mix-Shop.

(Gedankengang, der nicht umgesetzt wurde: Neben dem Mix-Shop befindet sich ein KFC. Irgendwie hatte ich das Verlangen, die futternden Amateur-Amis vor Augen zu halten, wie viele süße Küken sterben müssen! Tat ich dann aber doch nicht … wollte nicht wie eine Galileo-Zuschauerin wirken.)

Als nächstes: Netto! Juppie! Nachdem ich bisher immer nur (überwiegend) bei Norma eingekauft habe (die diese tollen Kartoffeln mit Schleimschneckeneinlage hatten!) oder eben Tengelmann, war heute Netto dran. Meine Erwartungen waren groß. Gigantisch!
Endlich mal wieder ein neues Geschäft in der neuen Gegend besuchen! Ui.
Aus dem „Ui“ wurde dann nach ein paar Minuten schnell ein „Pfui“.

Ein Kommilitone meinte mal abschätzig „Du wohnst ja in einem Türkenviertel!“. Dass er tatsächlich Recht hatte, fiel mir auf, als ich bei Netto war und die Mini-Gänge mit ganzen Familiendynastien verstopft waren. Ich hatte von jedem Gang eigentlich nur den Anfangs- und Endmeter. Die Mitte war dank mehreren Kinderwagen und zeternden Müttern meist verstopft. Grummelig schnappte ich mir Milch und kämpfte mich zur Kasse durch. Beide Schlagen endlos lang – aber das war ich nach der Post schon gewohnt.
Nachdem mir ein Opi seinen Einkaufswagen mit voller Wucht gegen das Kreuz (also den Rücken) gestoßen hat, wanderte ich freiwillig auf Kasse °2, wo vor mir ein ungeduldiger, genervter Mann stand. (Leidensgenosse!)

Die Kassiererin war zwar keine Praktikantin mehr, benahm sich aber wie eine: machte alles falsch, kurz vorm Heulen, ständig die Preise nachfragen, etc.
Irgendwann tauchte dann sie auf. SIE.
SIE ist/war eine Omi mit Pelzmütze, die mir (unsanfter wie der Opi zuvor) mit ihrem Rollwagen in die Hacken fuhr. Ich blieb tapfer stehen, es folgte ein Einkaufswagen, der mich (angriffslustig) umwerfen wollte. Das erste Mal war es auch mit meiner Geduld am Ende! Ich drehte mich um, giftete sie an und ich glaube, ich hab sie auch angefaucht. (Chhrr!)
Da ich schätze, dass sie ihr Hörgerät ausgeschaltet hatte, ging ihr das am … Krückstock vorbei. Stattdessen presste sie mich mit ihrem Einkaufswagen fester gegen die Kasse.
Sie hat schon Recht … man kommt viel schneller an die Reihe, wenn man den Vordermann zum Querschnittsgelähmten macht!

Kaum dass ich gezahlt hatte, dampfte ich brodelnd davon.
An meiner Station ging es raus und dann … scheinbarer Zeitsprung! Schwarzes Loch! Paralleluniversum!
Jedenfalls torkelte vor mir ein händchenhaltendes Pärchen (Marke „Die will ich nicht in meiner Verwandtschaft“), die so ganz arg nach „Bauer sucht Frau“ schrien. Tatsächlich war es aber wohl nur ein normales Pärchen im kriminellen Viertel Kriegshaber.
Da die beiden mir ein zu mickriges Tempo drauf hatten, tat ich das, was jeder macht (hoffe ich doch) : ich überholte sie! (Zu Fuß – für alle, die längst den Faden verloren haben.)
ICH ÜBERHOLTE SIE ZU FUß!! Dabei berührte ich sie nicht einmal ansatzweise, sondern huschte ganz in Uri Geller-Manier an ihnen vorbei.
Entweder habe ich ihm – ohne es bemerkt zu haben – die Zähne ausgeschlagen oder … jedenfalls kam plötzlich ein lautstarkes: „JA GEHT’S NOCH?!?!“
Seine Bauerin, äh, Partnerin nebenan stimmte mit ein: „JA ECHT! (nuschel brummel grummel) TSSS!“
Dann brummelte er noch etwas und ich fühlte mich wieder ein bisschen wie bei „Versteckte Kamera“ (ohne Kamera).

Als wir dann gemeinsam an der (Fake-)Ampel standen, rechnete ich ja soo arg damit, dass er mich mit Braveheart-Gebrüll vor die fahrenden Autos stoßt. Hat er nicht getan (wie man sieht), dafür rückte er mir auf die Pelle und machte sich groß.
(Schluchz. Ich sage ja: kriminelles Eck.)

Nachdem ich mich bei Norma (jaaah, sagt nichts) mit Cornflakes eingedeckt habe, ging ich nach Hause. In meine Wohnung.

Und wenn ich ehrlich bin: in den einzigen Fleck Erde, wo die Welt noch ein bisschen heil und unkriminell ist. Wo es nur mich und Zimt-Cornflakes gibt. Keine Omis mit Felltoupet. Keine (schluchz) Einkaufswagen.

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7 Gedanken zu “Der Wahnsinn trägt Felltoupet und nennt sich „Omi“

  1. Definieren Sie „Scheißtag“. Antwort: Lesen Sie sich mal den ersten Post beim schneienden Blog durch.
    (Schneit es eigentlich noch?)
    Das klingt wirklich herzzereißend mistig, Sie erleben Sachen … Da kommt einem doch glatt der Gedanke, man sei tatsächlich von Idioten umgeben. Adieu, positive Einstellung!
    Trösten Sie sich damit, dass die alle schlichtweg blöd sind – und Sie können sich drüber ärgern, weil Sie zu der inzwischen äußerst seltenen Spezies Mensch gehören, die tatsächlich noch Hirn besitzt und – aufpassen! – es nutzt.
    Sapere aude! Wie Sie leider feststellen mussten – nicht jeder kann Latein.

    In dem Sinne, viel Spaß auch mit Ihrem Experiment!

  2. Das ist nett, dass auch unter die Blogger gegangen bist… 🙂 Und auch mal mehr lesen als 140 Zeichen ist auch schön! Viel Spass dabei und bis bald wieder,
    Prof. Wurst

  3. Huii.
    Ich liebe diesen Eintrag. Er hat mich wirklich zum schmunzeln gebracht. 🙂 Ich gebe dir in vielen Punkten recht.
    Freue mich schon auf mehr. 🙂

  4. Herrlich, darum tue ich mir das Einkaufen auch in der Regel erst abends ab 20 Uhr an. Minimiert die Anzahl der Vollpfosten.

    Immerhin mit dem kriminellen Viertel kann ich mithalten. Seit ich hier wohne musste schon zwei mal die Feuerwehr anrücken weil vor dem Penny gegenüber die Müllcontainer angesteckt wurden.

  5. lol endlich mal was zum lachen..also schmunzeln nicht dass mich dein leid belustigt^^
    ich kenne das so gut..von der post bis zum netto..aber ich muss sagen bei uns ist es da noch nich so schlimm..eine gegend weiter ist es schon schlimmer^^

    1. Ach, du darfst ruhig lachen xD Mittlerweile habe ich diesen miesen Tag verkraftet – ich bin ja schon groß ;D

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