Twin-Peaks-Trauma

Gut, dass ich sehr zartbesaitet bin, dürfte kein großes Geheimnis sein (ha ha), weswegen ich auch Horrorfilmen aus dem Weg gehe und einen Bogen um kleine Psychokinder mache, die sich ihr schwarzes Haar ins Gesicht hängen lassen und als Untote herumspuken.

Nur nachdem mir so viel gutes von “Twin Peaks” – der Kultserie aus den 90ern – berichtet wurde, konnte ich einfach nicht die Finger davon lassen. Lobeshymnen auf Moviepilot.de und anderen Seiten & Foren, bestätigten mein Vorhaben nur, so dass ich mich in den Bann der schrägen Stadt ziehen ließ.

Nachdem ich die erste Staffel problemlos überstanden hatte (“Ihr hattet Angst  vor BOB? Jetzt echt? Hää?? Der ist doch harmlos!”) und auch frei von allen Albträumen geblieben bin, widmete ich mich heute der – unter Fans – verpönten 2. Staffel von “Twin Peaks”.

Ganz skurril beginnt die Staffel mit dem angeschossenen Agent Dale Cooper, der auf dem Boden seines Hotelzimmers liegt. Blutend, versteht sich. Trotzdem führt er einen kurzen Plausch mit dem alten, schwerhörigen Hotelangestellten, der ihm etwas zu trinken bringt. Nachdem Cooper weiterhin verletzt liegenbleibt, heißt es von dem Alten nur, Cooper sollte seine Milch trinken, weil sie sonst kalt wird! Ein Lachen konnte ich dann doch nicht unterdrücken, als Cooper (immer noch blutend auf dem Boden!) seelenruhig die Quittung unterschreibt und zurückgelassen wird.

Dass diese Staffel ANDERS ist, kapiert der Zuschauer in dem Moment, wo der singende Leland im Wohnzimmer auftaucht – mit schneeweißen (!) Haaren und erschreckend guter Laune, die ihn sogar dazu verleitet, ein Liedchen zu trällern (was er in der Folge noch öfter tut).

Lässt man die Serie langsam auf sich wirken, sieht man hier und da Dinge, die einem ein Stirnrunzeln bereiten: So ist  Donna, das typische Mädchen von nebenan, zu einem Vamp geworden, die rauchend und mit Sonnenbrille das Gefängnis betritt, in der ihr Liebster sitzt. Ein Auftritt, den man am ehesten Audrey zugetraut hätte (oder der wohl 1:1 zu der verstorbenen Laura passen würde!). Audrey selbst wirkt – im Club ihres Vaters arbeitend – auf einmal wie ein kleines Mädchen, das sich nach einer Umarmung sehnt und vollkommen aufgelöst betend nach Cooper ruft – der aber seelenruhig schläft und dann in seiner zweiten Vision dem Riesen begegnet.

Einige Charaktere wirken verändert, andere sind nach wie vor gleich (Andy wirkt zum Beispiel NOCH trotteliger, ist aber im Herzen der gleiche, der weiterhin vor versammelter Mannschaft rumheult). Die ganze Atmosphäre von “Twin Peaks” hat sich dennoch verändert: aus “seltsam” wurde “unheimlich”.

Unheimlich sind der tanzende Leland, der auf der kleinen Gedenkfeier seiner Tochter lauthals “Get happy” singt oder der Riese, der allwissend erscheint.  Alles hat mittlerweile einen Grad von Skurrilität erreicht, dass man als Zuschauer dort sitzt und nur auf die nächste, grausame Tat erwartet, wissend, dass es “so nicht weitergehen kann”.

Und bereits bei der 1. Folge der 2. Staffel wird diese Ahnung mit einer Szene bestätigt: dem Ende. DAS hat mich ehrlich gesagt so getroffen (teilweise erschrocken, aber überwiegend gingen mir die Bilder und Geräusche einfach unter die Haut – wobei ich wieder all mein Lob an Sheryl (Laura Palmer) schicken möchte!), dass mir die Tränen in die Augen geschossen sind. Gänsehaut galore!

Wer einen Blick reinwerfen möchte, kann es hier tun (leider viel zu dunkel! und aus dem Zusammenhang der Folge gerissen) :

Ich liebe “Twin Peaks” weiterhin und freue mich schon, die restlichen Folgen zu sehen, aber heute werde ich KEINE Folge mehr sehen. Muss mich erst einmal von diesem Ende erholen. Und auch “Fire walk with me” wird noch etwas ruhen, sonst habe ich wirklich ein Twin-Peaks-Trauma, liebe Leser!

P.S. Was ich tatsächlich David Lynchs Horror mag: Im Gegensatz zu modernen Regisseuren benutzt er keine harten, schnellen Schnitte, so dass der Zuschauer eigentlich gar nichts wirklich mitbekommt, nur eben Schlag-auf-Schlag Szenen kriegt und weiß, dass er jetzt Angst haben muss. Der Horror von Lynch besticht mit langen, langsamen Szenen. Dabei taucht bei mir dieses “Ich kann nicht wegsehen!”-Gefühl auf, weil sich alles erst aufbaut … und man dann erst recht leidet, weil alles so lange dauert und man ja weiß, dass gleich etwas passiert.

P.P.S. Ich bin schon sehr gespannt auf eine Szene, in der eine weitere Frau in “Twin Peaks” ermordet wird und Lynch die Kamera draufhält. Die Szene soll mit ihren Einstellungen so grausam sein, dass fast alle Peaks-Fans davon berichten und es als “unheimlichste Szene” abstempeln. Ich bin gespannt …

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2 Gedanken zu “Twin-Peaks-Trauma

  1. Warte mal bis zur allerletzten Folge ab. Das ist das gruseligste und verstörendste, was ich jemals gesehen habe – und ich bin an sich ein Freund von Horror.

  2. Ich muss Fabian zustimmen: Die allerletzte Folge ist wirklich königlich! Ich finde die zweite Staffel übrigens prima, aber es ist wohl richtig, dass sie vier bis fünf Folgen lang einen ziemlichen Hänger hat – oder sagen wir, sie führt einen Subplot ein, den ich absolut nicht leiden kann. GÄHN.

    Aber viel Spaß noch, und so.

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