A nightmare.

Für Yuhlia. Wegen der ich diese Zeilen niedergeschrieben haben, die hoffentlich nur ein Text bleiben und nicht der Anfang von etwas neuem. Fiktive Spielerei. Text? Prolog einer Geschichte? Wer weiß. Ich hoffe nichts von beidem und nenne es „Schreibübung ohne Korrektur“.


Es war kalt. Erschreckend kalt. Und obgleich meine nackte Haut unter der Berührung des Schnees von roten Flecken überzogen wurde, die wie Bienenstiche brannten, regte sich kein Leben in meinem Körper. Das Herz schlug, ja, aber ich blieb starr. Starr wie die Bäume um mich herum, von feinem Puderzucker der Jahreszeit überzogen, jeglicher Stimme in der Windstille beraubt. Nacht herrschte, aber meine Augen schienen von dem schwarzen Schleier bewahrt worden zu sein. Alleine in der Finsternis, selbst die Angst ließ mich im Stich.
Ich wusste, dass ich auf etwas wartete – aber ich wusste nicht, worauf. Das Gefühl in mir blühte, regte sich und raubte meinem Körper jegliche Bewegung. So lange, bis einzelne Minuten sich zu etwas größerem formten; mein Bauchgefühl flüsterte von einer Stunde, aber niemand konnte sagen, ob es nicht log, erst recht nicht ich. Doch erst als diese Frist abgelaufen war, streckte sich das Leben in mir aus und fuhr bis in jede Finger- und Haarspitze. Ich drehte den Kopf zur Seite und ließ meine Augen über den unberührten Schnee huschen, auf der Suche nach Kleidung – erfolglos.
Mit steifen Gliedern richtete ich mich auf, bedeckte die Blöße meiner Brüste mit meinen Armen, die ich um den fröstelnden Körper schlang, während mein Geschlecht nur unter dem dunklen Flaum Schutz fand. Schneekristalle klebten auf meiner Haut, leckten zärtlich darüber, als mit den ersten Schritten die Wärme zurückkam und ihnen das Leben raubte. Ohne umzusehen bahnte ich mir einen Weg durch den Wald und den knöchelhohen Schnee, ließ die Richtung hinter mir, in welcher ich zu mir gekommen war und ließ mich von einer Ahnung leiten, die meine Gedanken schwerelos aufwirbelte.

Die Erinnerung kehrte schneller zurück, als mir lieb war und dennoch blieben meine Nerven gelassen, wie eine Saite, die nie die Liebkosung einer Berührung vernommen hatte. Bilder kehrten zurück, breiteten sich vor meinem geistigen Auge aus, füllten die Regale der Vergangenheit. Der Schnitt des Filmrisses wurde wieder eins, aber ich schenkte keiner einzigen Erinnerung Aufmerksamkeit. Mit einer knappen Handbewegung verscheuchte ich die Szenen in meinem Kopf wie eine lästige Fliege, während vor mir eine kleine Holzhütte aus dem Boden ragte. Es brannte kein Licht, der Kamin lag brach. Eingerahmt von schlanken, meterhohen Bäumen wirkte das Häuschen wie der Überrest eines schaurigen Märchens, wie ein Fehler – mein Fehler. Es war mein Haus. Dessen wurde ich mir mit jedem Schritt bewusster.
Und so haderte ich nicht lange vor der verschlossenen Haustür, sondern griff nach einem kleinen Glas mit rostigen Schlüsseln, das auf dem kleinen Fenstersims vom Schnee verschont geblieben war. Ich fand den richtigen, ohne lange zu suchen und schob ihn ins Schloss, um endlich Schutz zu finden.
Dieser Ort bestand nur aus einem einzigen Raum, der eine kleine Eckbank, ein altes Bett, so wie einen Ofen und eine kleine Wanne beheimatete. Auch wenn kein Feuer brannte, war es angenehm warm hier, zumindest fühlte es sich nach den Stunden im Wald danach an. Der Temperaturunterschied jagte ein Kribbeln über meine Haut und sagte mir eines: ich war am Leben. Ein Zustand, dessen ich mir nicht sicher gewesen war, als ich bei Anbruch der Nacht in den düsteren Wald gelaufen war.

Auf der Eckbank fand ich ein Kleid aus dicker, kratziger Wolle, in das ich schlüpfte, während mein Blick bereits die unterschiedlichen Bücher auf dem Holztisch sezierte. Vor allem zwei rutschten dabei in den Fokus meiner Aufmerksamkeit: ein abgenutztes Lederbuch, sowie ein kleines Notizbuch, das aufgeschlagen daneben lag. Es war letzteres, das ich zu mir heranzog, zusammen mit dem Stummel eines Bleistiftes. Ich sog die Luft ein, ehe ich ansetzte.
»13. November. Es hat nicht funktioniert. Wieder nicht.
Ich habe versucht, mich im See zu ertränken und bin doch nicht tot. Gerettet vom Spott der Götter, vom unsichtbaren Helden, vom sardonischen Leben. Der Tod will mich nicht, dabei gebe ich mich ihm inniger hin, als jede seiner Gespielinnen. Sinnlos.«
Neben den Zeilen machte ich ein Zeichen: CCXXXI. Es stand für die Zahl 231.
Ich schob die Notizen von mir, griff nach dem Lederbuch und presste es an meine Brust, als ich mich erschöpft ins Bett lag und mich einem traumlosen Schlaf hingab.

231 gescheiterte Versuche, dem Leben und meinem Schicksal zu entkommen.

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