[Fazit] The New World

„Komm, Geist, hilf uns, die Geschichte unseres Landes zu singen. Du bist unsere Mutter. Wir sind dein Maisfeld. Aus deiner Seele steigen wir empor.“

Mit diesen Zeilen beginnt der Film „The New World“, eine Realverfilmung der Pocahontas-Sage, welche die fragile Liebe zwischen dem Indianermädchen und dem englischen Abenteurer fernab von Disney in den Mittelgrund rückt. Das bedeutet: kein Gesang, keine sprechenden Bäume und keine Konflikte zwischen Mops und Waschbär. Stattdessen – ganz nach der Art des Regisseurs Terrence Malick – viele künstlerische Bilder, ruhige Naturaufnahmen und Off-Stimmen, die einem die Gedanken der Charaktere anvertrauen.

Wenn ich nun den Satz „Aber fangen wir von vorne an!“ ausspreche, komme ich doch erst einmal ins Stolpern: Eigentlich wissen wir ja alle, um was es in der Pocahontas-Geschichte geht. Zumindest der Großteil von uns, der mit dem Disney-Film aufgewachsen ist oder sich durch Wikipedia-Artikel gescrollt hat, um das Wissen mit genaueren Fakten zu spicken. Trotzdem fasse ich die Handlung knapp zusammen; für etwaige Spoiler möchte ich mich entschuldigen (ach, wir wissen doch alle, was passiert!), aber das große Ende und die Frage, wie die Dreiecksbeziehung ausgeht, verrate ich nicht.

Drei Schiffe der Virginia Company erreichen im Jahr 1607 die nordamerikanische Ostküste – mit an Board ist John Smith (Colin Farrell), der die Ankunft in Ketten aufgrund Gehorsamverweigerung erlebt. Er hat Glück und wird, aufgrund seiner Beliebtheit unter den Männern, begnadigt. Smith hilft bei der Erbauung von der Siedlung Jamestown mit – was jedoch keiner der Engländer weiß: dass sie sich ausgerechnet im Königreich eines Indianerstammes niedergelassen haben. Man sieht den Kampf als einzige Option, um sich im neuen Land zu beweisen und das Land an sich zu reißen, doch John Smith will mit den Indianern verhandeln. Diese, als ahnten sie, was ihr Schicksal sein wird, trauen dem Engländer jedoch nicht und wollen John Smith töten – als Warnung für die restlichen Siedler. In dem Moment, als man ihn erschlagen will, wirft sich die jüngste Tochter des Königs – Pocahontas (Q’orianka Kilcher) – dazwischen und rettet ihm damit das Leben. Smith bleibt nun längere Zeit im Dorf der Indianer und erlebt deren friedliche Gesinnung, wobei er vor allem nur für eine Augen hat: Pocahontas. Die beiden verlieben sich ineinander, sehr zum Leidwesen von Pocahontas‘ Vater.
Smith kehrt schließlich in das heruntergekommene Jamestown zurück und rettet mit Nahrungsmittel des Indianerstammes die englischen Siedler. Diese Dankbarkeit für die Hilfe hält nicht lange und bald eskaliert die Situation zwischen Ureinwohnern und Engländern – es kommt zum Kampf. Es scheint eine verlorene Schlacht für die Indianer zu sein: Pfeile und Sperre gegen Gewehre und Schießpulver. Verluste bestimmten den Alltag – und der König des Indianerstammes erlebt einen eigenen, schmerzlichen Verlust, als er Pocahontas ins Exil zu ihrem Onkel schickt. War sie es doch, die den wahnsinnigen, mordenden Engländern im harten Winter mit Nahrungsmitteln aushalf – aus Liebe zu John Smith.
Die Leute von Jamestown versuchen daraus Profit zu machen: Gegen einen Kupferkessel kaufen sie Pocahontas von ihrem Onkel und erhoffen sich damit, dass weitere Angriffe der Indianer auf die Siedlung ein Ende nehmen. Pocahontas ist nun bei John Smith und es könnte alles so schön sein … bei Disney wäre das jetzt bestimmt. Aber hier ist es leider nicht der Fall: Smith entscheidet sich für einen Expeditionsauftrag und gegen Pocahontas. Um ihr den Abschied zu „erleichtern“, wird der Indianerprinzessin die Lüge aufgetischt, Smith sei gestorben. Eine Welt bricht zusammen. Und wird erst wieder Stein für Stein aufgebaut, als Pocahontas – die man immer mehr und mehr zur Engländerin macht – den Farmer John Rolfe (Christian Bale) kennenlernt, der sie vom ersten Moment an liebt und um ihr Herz kämpft. Doch Pocahontas hängt noch immer an Smith und alles scheint ins Wanken zu kommen, als sie zufällig erfährt, dass John Smith am Leben ist …

„The New World“ ist – neben „Der schmale Grat“ und „Tree of Life“ – mein dritter Film von Regisseur Terrence Malick, wobei ich vor allem sein jüngstes Werk – „Tree of Life“ – noch gut im Kopf habe. Immerhin war das einer, vom Großteil der Zuschauer, verhasste Film, der mir nach ein paar kritischen Blicken tatsächlich gefiel. Hat man die Familiengeschichte in „Tree of Life“ und die Pocahontas-Sage aus „The New World“ im direkten Vergleich zur Hand, ist Malicks Stil unverkennbar.
Er scheint sich bewusst gegen schnelle Schnitte (der direkten Handlungsgeschichte) und viele Szenen zu sträuben und weilt lieber auf einzelnen Momenten. Nimmt sich dann die Freiheit, sie lange und ohne Hast darzustellen. Das mag für manche Zuschauer langatmig erscheinen, tatsächlich ist es ein sehr ruhiges und schönes Stilmittel, weil es vermag, für einen Moment zu vergessen, dass eine Kamera draufhält und man meint, selbst vor Ort den Augenblick ohne störende Einflüsse betrachten zu können. Untermalt sind die ruhigen Bilder in schlichten Farben von einem durchaus hörenswerten Soundtrack von James Horner, der an manchen Stellen vielleicht an die Scores von „Braveheart“ oder „Titanic“ erinnert (und nun auch Ähnlichkeit zu „Avatar“ aufweist – aber das ist ja sowieso nur eine andere Art von Pocahontas-Geschichte ;-)). Trotzdem bleiben Stücke wie „All is lost“ hängen und laufen zumindest bei mir seit dem Film immer mal wieder in Dauerschleife.
Schauspielerisch betrachtet kann man vor allem Q‘orianka Kilcher hervorheben, die zur Drehzeit gerade einmal vierzehn (!) Jahre alt war. Das ist leider auch der Grund, warum man in „The New World“ auf große, erotische Momente verzichten muss. Selbst die Küsse sind nur angedeutet und werden nur zweimal im gesamten Film direkt gezeigt. Auf der einen Seite denke ich dabei immer: Schade (ohne dabei unanständig wirken zu mögen). Auf der anderen Seite hat es dem Film nicht geschadet, im Gegenteil. Die Rolle der Pocahontas behält dadurch den ganzen Film hinweg diese unschuldige, mystische Aura – eine Indianerprinzessin, die die Männer nicht nur mit ihrem Körper verzaubert, sondern durch ihren gutmütigen Charakter und ihre tiefe Verbundenheit zur Natur. Unantastbar scheint sie von Anfang bis Ende – und genau das macht es noch schöner. Q‘orianka gibt die Rolle der Pocahontas wunderbar wieder. Zu Beginn verspielt und kindlich, dann – in Bezug auf ihre Gefühle – erwachsen, wenn auch unsicher und zuletzt wie ein Vogel im Goldkäfig, als die Engländer versuchen, sie zu einer von ihnen zu machen. Ihre Mimik ist dabei nicht übertrieben, oft zurückhaltend unauffällig und trotzdem fühlt man mit ihr mit, liest manchmal mehr aus ihren Augen, als aus manch anderen. Zusammen mit den Off-Texten – die zuweilen kitschig, aber doch eine lyrische Schönheit besitzen – wird aus Pocahontas eine fragile, gutherzige Indianerprinzessin, die innerlich zerrissen ist und lange nicht weiß, wo ihr Herz zu Hause ist.
Tatsächlich hätte ich mir bei den Männern fast gewünscht, dass Colin Farrell (John Smith) und Christian Bale (John Rolfe) die Rollen getauscht hätten, da letzterer seinen Charakter viel besser Leben einhaucht, während Farrell manchmal selbst in Liebesmomenten unfreiwillig genervt guckt (ja, man sagte mir, dass sei nun mal sein Gesicht, trotzdem – in „Ondine“ habe ich ihm auch alles abgekauft). Vielleicht liegt es auch an einer innerlichen Hemmung gegenüber der vierzehnjährigen Schauspielpartnerin – in „Ondine“ war er gegenüber seiner Co-Schauspielerin (die er kurz darauf auch abseits des Sets heiratete) zumindest deutlich offener und zeigte mehr Emotionen in seinen Augen. Bale als John Rolfe ist da deutlich besser, aber leider muss man als Zuschauer doch ziemlich lange warten, bis man ihn das erste Mal zu Gesicht bekommt.

Alles in allem hat man mit „The New World“ 131 Minuten an dramatischer Romanze und einer Liebesgeschichte, die aufgrund der gegensätzlichen Seiten nicht sein darf. Manchmal wünscht man sich weniger Off-Monologe und mehr direkte Dialoge zwischen den Charakteren (allen voran Pocahontas/Smith), doch die Bilder wissen zu überzeugen und vor allem die vierzehnjährige Pocahontas-Darstellerin hat es geschafft, die Hauptrolle der Indianerprinzessin im Wandel der Jahre auf ihre schmalen Schultern zu laden und so wiederzugeben, wie man sich Pocahontas in stillen Momenten wohl selbst vorstellt. Und wer danach unzufrieden sein sollte, kann ja noch immer den Disney-Film zur Hand nehmen.

Vier von fünf Kupferkesseln.

P.S. Am Ende zeigt man einen Waschbären in einem Käfig, welcher von Pocahontas mitfühlend betrachtet wird – alle Disney-Fans können das ja als kleine Anspielung zur gezeichneten Version sehen!

P.P.S. Für Fans von: Abbitte, Pocahontas (das kam unerwartet), Tristan & Isolde, Tree of Life.

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Ein Gedanke zu “[Fazit] The New World

  1. Hach ja, der Film. 😀 Du hast ja schon bemerkt, dass er nie zu meinem Lieblingen gehören wird. 😉 Das wird wohl immer so mit mir und ruhigen Filmen sein. Es ist einfach nicht mein Metier, ich werd dann eher ungeduldig als es genießen zu können. Dabei sollte man meinen, als große Schwester weiß man etwas über Geduld! (Okay, und der Kitsch manchmal. Ich schwöre es wirklich – meine Augen haben teilweise von selbst angefangen zu rollen, ich wollte das nicht!)
    Aber schon ist das Fazit geschrieben. 🙂

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