[Fazit] Perfect Sense


Neunzig Minuten sind vorbei. Ich sitze hier und spüre noch die letzten Tränen auf meinem Gesicht; es kommt mir vor, als hätten sie während des Films nie eine Chance bekommen, zu trocknen. Und doch lächle ich – weil ich sie spüre, sie schmecken kann. Aber das dumpfe Gefühl in der Magengegend bleibt bestehen, die letzten Worte der Erzählerin verfangen sich mit den eigenen Gedanken. Bleiben hängen. Bleiben da. Für Stunden, vielleicht für Tage, während man die Welt um sich herum ein bisschen anders sieht.

„Perfect Sense“ hat mich auf eine ganz eigene Art und Weise berührt. Ich bin ehrlich, wenn ich sage, dass ich von Anfang bis Ende geweint habe. Nicht, weil ich eine Verbindung zu den Protagonisten hatte oder mich in ihnen widerspiegelte – das braucht es nicht. Es reicht dieser Gedanke, dass uns all das auch zustoßen könnte. Nein, Hollywood, es braucht keine Erde, die aufreißt und die Menschen mit ihren Abgründen verschluckt, es braucht keine Feuerbälle, die vom Himmel regnen, keine Special Effects und keinen Krach. Manchmal reicht es, uns nur das zu nehmen, was für uns selbstverständlich geworden ist und selbstverständlich ist: unsere Sinne.

Und während die Epidemie über die Welt hereinbricht und den Menschen ihr kostbarstes Gut raubt, während Chaos ausbricht und sich Dunkelheit immer weiter ausbreitet, finden zwei Menschen die Liebe zueinander. Eine Wissenschaftlerin (Eva Green) und ein Koch (Ewan McGregor). Oh, ich bin keine Romantikerin und kein Freund von Kitsch. Beides habe ich auch nicht in „Perfect Sense“ gefunden und darüber bin ich froh. Ich habe keine makellosen Menschen angetroffen, die sich in Schall und Rauch hüllen und die Welt rosa malen – ich habe Fehler gesehen, kaputte Menschen, die versuchen, sich gegenseitig Halt zu spenden, selbst wenn sie wissen, dass sie scheitern werden. Aber sie versuchen es. Sie versuchen es. Und David Mackenzie weiß, wie er all das mit seinen durchaus schlichten Bildern festhalten soll. Die wahren Dramen funktionieren auf diese Art: Man hält drauf und filmt, zeigt den Moment ganz nackt und gibt dem Zuschauer das Gefühl, dabei zu sein.
Es war halb zwölf Uhr abends an einem Samstag, als ich diesen Eintrag verfasste. Ich hörte „No voice was raised“ von Castanets, welches auch im Film gespielt wird, auf voller Lautstärke. Ich roch den Duft von frischen Kaffee in der Luft. Ich schmeckte Schokolade auf meinen Lippen. Ich schmeckte das Leben. Und „Perfect Sense“ hat mich daran erinnert.

10 von 10 Packungen Mehl & Fett

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