Wieso „Pokémon Go“ nicht die Verblödung der Menschheit bedeutet

Während euch der Hype um „Pokémon Go“ langsam müde macht, werde ich der zahlreichen, abfälligen Diskussionen unter Facebook-Artikeln überdrüssig. Viele Kritiker bezeichnen die neue App als weiteren Schritt Richtung menschlicher Verblödung. Immer wieder heißt es: ‚Warum macht ihr mit eurer freien Zeit nicht etwas Sinnvolles?‘ Von allen Seiten wird mit den Augen gerollt und genörgelt. Dabei müssen ausgerechnet diese Menschen etwas lernen: Gönnt anderen Leuten ihren Spaß.

Ja, ich gehöre auch zu diesen Menschen, die dem Hype von „Pokémon Go“ verfallen sind. Als Kind war ich ein leidenschaftlicher Fan der kleinen, farbenfrohen Monster. Auf dem Dachboden liegen noch immer ein paar verstaubte Kuscheltiere, in den Regalen warten alte GameBoy-Spiele und Comics darauf, mal wieder in die Hand genommen zu werden. „Pokémon“ war nie out, aber ich bin ehrlich: Obwohl ich in den letzten Jahren immer mal wieder ein Spiel gekauft habe, habe ich die Lust daran relativ schnell verloren. Bis zum Ende habe ich es bei keinem der Games geschafft. Irgendwann wurden mir die Pokémon einfach zu viel und zu abstrakt. Als Fan und Mitglied der ersten Generation scheine ich den Anschluss zu dieser neuen, großen Welt verpasst zu haben.

Ein Kindheitswunsch wird wahr

Und dann kam plötzlich der Tag, an dem „Pokémon Go“ zum Download zur Verfügung stand und ich plötzlich wieder 10 Jahre alt war und dieses Spiel haben musste, unbedingt. Mir war bekannt, dass die App ähnlich wie „Ingress“ abläuft. Das habe ich leider auch nach ein paar Wochen aufgegeben, weil ich als Noob keinen Anschluss fand und das Gefühl hatte, im Kampf zwischen den Teams nichts beisteuern zu können. Der Frust war groß, der Finger war schnell auf dem Deinstallieren-Button. „Pokémon Go“ wollte ich trotzdem eine Chance geben. Und sei es nur, damit die mittlerweile erwachsen gewordene 10-Jährige von damals das tun kann, wovon sie immer geträumt hatte: Vor die Tür gehen und auf Pokémon-Jagd gehen.

Seit knapp über einer Woche tue ich das jetzt. Damit bin ich nicht alleine – wer sich in seiner Stadt umsieht, wird noch mehr Leute entdecken, die regelrecht um Pokéstops herumlungern und gebannt auf ihre Smartphones starren. Das ist an sich nicht schlecht, solange man die Negativ-Beispiele ausblendet. (Damit meine ich die Menschen, die den Verkehr behindern, weil sie auf der Straße nach Pokémon suchen oder diejenigen, die in fremde Gärten steigen und ihre Erziehung komplett vergessen. Hier liegt die Schuld aber nicht beim Spiel, sondern bei den Menschen, die es spielen.)

Nein, wir verblöden nicht

Mittlerweile berichten alle größeren Zeitungen fast täglich über „Pokémon Go“. Selbst die mittlerweile fast normal gewordenen Server-Crashs des Spiels schaffen es mit großer Schlagzeile zu einer Meldung. Sowas kann einem – wenn man mit „Pokémon Go“ nichts zu tun haben möchte – wahrscheinlich spielend leicht den ganzen Tag vermiesen. Statt einfach über die Meldung hinwegzuscrollen, entscheiden sich immer wieder Leute dafür, Hass unter Facebook-Beiträgen zu verbreiten. Die richten sich in kleinen Prozentsätzen gegen die alleinige Existenz des Artikels, in den meisten Fällen aber gegen die „verblödeten Menschen“, die „Pokémon Go“ spielen. Und da fühle ich mich tatsächlich angesprochen und ich ertappe mich immer wieder dabei, wenn ich auf den „Antworten“-Button klicke und diesen Menschen schreibe.

Nein, „Pokémon Go“ ist nicht das Ende der Menschheit. Nein, wir verblöden nicht bei diesem Spiel. Falls es diese Macht besäße, wären wir ohnehin schon alle blöd. Immerhin gibt es „Pokémon“ oder Spiele dieser Art – oder überhaupt Spiele! – nicht erst seit dem 15. Juli 2016. Ob ich jetzt in den eigenen vier Wänden mit Wii-Fernbedienung für das Bowling vor dem Fernseher wedele, die Knöpfe auf dem PS4-Controller drücke oder auf meinem Smartphone Pokémon fange – was ist da der Unterschied? Um ehrlich zu sein sehe ich nur sehr viele positive Seiten von „Pokémon Go“, die alle Kritiker scheinbar gerne ausblenden.

Gespräche mit Gleichgesinnten

Hier kann ich nur mich als Beispiel nehmen. Ich arbeite Vollzeit. Nach der Arbeit gehe ich gerne sofort nach Hause, lande auf dem Sofa oder im Bett und gucke Serien. Sport gehört nicht zu den Dingen, die ich gerne mache. Das liegt auch daran, dass ich in einem Körper stecke, der dafür nicht wirklich geeignet ist und schnell schlapp macht. Zu „Weight Watchers“-Zeiten habe ich mir einen Fitbit besorgt und weiß, dass 10.000 Schritte am Tag gesund bin. Wenn ich ehrlich bin, darf ich in einer stressigen Arbeitswoche aber schon froh sein, wenn ich die 5.000 ankratze. Ich bin introvertiert, Smalltalk beherrsche ich nicht und eigentlich fühle ich mich unter Fremden ohnehin immer eher unwohl. Das mal als Ausgangssituation.

Nun kommt „Pokémon Go“ zum Einsatz – und schlagartig ändert sich alles ein kleines bisschen zum Besseren. Schritt für Schritt. Mittlerweile geht es nach der Arbeit nicht sofort nach Hause. Stattdessen laufe ich durch die Stadt, suche nach Pokémon oder sammle Erfahrungspunkte an Pokéstops. Da finden sich immer wieder andere Spieler, die meist in kleineren Grüppchen unterwegs sind. Obwohl das etwas einschüchtert, habe ich mittlerweile schon mehrfach Wildfremde angesprochen. Und sei es nur, um gemeinsam die Server zu verfluchen oder sich lachend zu fragen, ob das hier gerade wirklich passiert, dass man als Erwachsener im strömenden Regen nach Pokémon sucht.

Die positiven Seiten von „Pokémon Go“

In den letzten Tagen habe ich die 10.000 Schritte endlich wieder mehrfach geknackt. Wenn sich die Möglichkeit bietet und die Server gerade nicht down sind, gehe ich vor die Tür und bewege mich. Mittlerweile ruft mich sogar meine Mutter an und feuert mich an, doch noch häufiger „Pokémon Go“ zu spielen. Sie, die mit solchen Spielen nichts am Hut hat, wäre eigentlich dafür geeignet, der perfekte „Pokémon Go“-Gegner zu sein. Stattdessen sieht sie nur die positiven Aspekte des Spiels: Die Leute gehen plötzlich wieder raus, bewegen sich und reden miteinander. Sie knüpfen nicht nur Kontakte, sondern tun auch etwas für ihre Gesundheit. Was ist daran schlecht?

Mir ist noch eine andere positive Sache aufgefallen: Das Spiel vereint Leute jeder Art. Ganz gleich, ob sie jetzt 17 oder 30 Jahre alt sind. Ob sie nun HipHopper, Punks, BWL-Studenten oder Schüler sind. Die gemeinsamen Teams schweißen einen zusammen. Da sind plötzlich Menschen, denen man so nie über den Weg laufen würde und die einen wahrscheinlich sonst nur abfällig angucken würde – und die jubeln einem auf einmal zu, wenn sie feststellen, dass man im gleichen Team ist.

Gönnt ihnen den Spaß

Die Welt da draußen ist verrückt, dunkel und geht jeden Tag ein bisschen mehr kaputt. Gönnt den Menschen doch diesen kurzen Moment von Harmonie. Lasst sie Spaß haben, selbst wenn sie nur imaginäre Monster mit ihren Smartphones jagen. Habt ihr schon einmal größere und kleinere Gruppen von „Pokémon Go“-Spielern gesehen, die sich um einen Stop mit aktivierten Lockmodul tummeln? Habt ihr gesehen, wie glücklich sie sind und wie sie – selbst wenn jeder für sich auf sein Handy starrt – doch als Gruppe zusammengerutscht sind? Ich weiß nicht, was daran schlecht ist.

Letztendlich ist es nur ein weiteres Hobby. Genau so wie Fußball eines ist. Oder häkeln. Oder Nail Art. Oder tanzen. Das muss ich auch alles nicht verstehen oder mögen – aber solange Menschen daran Freude haben, ist alles in Ordnung. Niemand von uns hat das Recht, zu entscheiden, welcher Zeitvertreib nun „gut“ oder „schlecht“ ist, wenn ein Spiel wie „Pokémon Go“ tatsächlich viele positive Seiten besitzt.

Und jetzt geht raus und habt Spaß!

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3 Gedanken zu “Wieso „Pokémon Go“ nicht die Verblödung der Menschheit bedeutet

  1. Ich glaub, manche Leute wollen sich auch einfach nur beschweren, auch wenn sie keinen einzigen Grund haben und es sie noch nicht mal betrifft. (Lustigerweise hieß es bei uns früher immer, wenn wir mit unseren Pokémonspielen wieder drin saßen, dass mensch sich Damals (TM) noch mit Freund*innen traf und rausging. Jetzt machen das die Leute im Grunde wieder, aber das ist anderen auch wieder nicht recht. xD)
    Ich hab legitime Kritik an PG gesehen – die Server-Crashs sind natürlich nervig, und für Leute, die aus welchen Gründen auch immer das Haus nicht verlassen können, ist das Spiel überhaupt nicht zugänglich. (Und Geld spielt eine Rolle, aber das ist ja bei so ziemlich jedem größeren Spiel der Fall, oder auch so ziemlich jedem Medium.) Aber dass die Leute angeblich verblöden/ihre Zeit verplempern? Ist doch nur wieder der gleiche „die böse, böse Technik richtet die zukünftige Generation zugrunde“-Unsinn, der sich ja schon seit Jahrzehnten einfach nicht bewahrheiten will.

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